Hans Jürgen von der Wense
der Landversteher:

Obige
Karte zeigt eine von Wenses
Zeichnungen.
Eine Karte auf
Basis der Messtischblätter, die er immer vorbereitete
und dann genau danach wanderte.
Es zeigt den Verlauf der alten
Handelswege durch Ostfalen und
Nordhessen, unserem Outback.
Dabei können wir uns sicher sein,
dass er jeden einzelnen dieser Wege
gegangen ist.
Während der Nazi Zeit
war er sowohl als Pazifist als auch
Homosexueller besonders gefährdet. So wurde
aus dem Wanderer ein
Landvermesser. Diese Tarnung und
der Umstand,
dass er ständig den
Wohnsitz wechselte,
bewahrte ihn vor
einem erneuten
Kriegseinsatz.
Erst
2
Jahre vor
Kriegsende
wurde er
"eingezogen"
und arbeitete
bei den
Physikalischen
Werkstätten in
Kassel.
Zur Systematik
seines
Schreibens und
Sammelns
schrieb Wense:
Ich ordne es
alphabetisch,
nach
Stichworten
und bringe
(von Aas bis
Zylinder) die
erlesensten,
erpichtesten
Stücke aus
allen Zeiten
und Zonen, nur
oder fast nur
Ignota und
Rara und in
meiner
Übertragung
oder doch
Fassung mit
strengsachlichen
Kommentaren
und erschließe
so ganze
weltweite
Gelände des
Geistes, eine
Herausforderung
für unsere von
Hochmut auf
Engtaille
eingelaufene
Zeit, aber
nicht nur
Weisheit u.
Poesie,
wesentlich
auch
Dokumente,
politische,
juridische und
intime, ein
Querschnitt
durch das
Gesamtsein der
Menschheit.
Ich
habe schon
einen starken
Batzen, das
ganze auf
1000–2000
Seiten
Dünndruck, so
Grille: einen
hinreißenden
Bericht von
Carducci über
den
Grillengesang
in Toscana
(Werke Bd. 20,
461-92), in
italiänischem
Text mit
meiner
Übersetzung,
bei
Ohrenschmalz
ein
bezauberndes
Negermärchen,
bei
Vulkanausbruch
eine Kanzone
von Camõens in
portugiesisch
mit wörtlicher
Übertragung,
dann neben
etwa 2/5
meiner ganzen
Arbeiten – 3/5
fallen – viel
irisches,
besonders 6.,
8. und 17.
Jahrhundert,
koreanisches,
mordwinisches
– jedes Mal
genaue
Kommentare mit
Geschichten
und
Literargeschichten
dieser Völker,
z. T.
überhaupt noch
nicht
geschrieben,
bei Brücke
Inschriften
auf Brücken in
Brusa
(Anatolien),
türkisch u.
deutsch in
Versen und
ebensolche in
Island (aber
von 1954!);
viel Thoreau
(den geliebten
amerikanischen
Klassiker),
und
Merovinger-Rechte,
Mellin de
Saint-Gelais
u. Tourisonne,
entzückendste
Poesie von
1500, völlig
vergessen,
viele Dokumente
der spanischen
Ommajaden,
lebende
fârôische
Dichter, über
8000
afrikanische
Sprüche,
Volkslieder
aus Palästina
oder Sibirien
mit
eingeschriebenen
Melodien,
„Konfuzius“ in
Zeichen,
wörtlich und
Nachdichtung,
ebenso Lau Dan
etc., um dem
Wahnsinn der
„Übersetzungen“
ein Ende zu
machen, sehr
viele
Wissenschaft:
Mathematik von
den Indern bis
Hilbert, von
Gogol nur
seine
Aphorismen
über
Hochhäuser,
alle heute bei
den
„Intellektuellen“
(die morgen so
lächerlich
sind wie uns
heute die von
1890)
berühmten
Größen fallen
völlig aus,
dagegen
erheben sich
UNGEHEURE
Dichter wie
Lenin (aus
Wales; †
1572), Abu
al-ibn-Anāf,
Papst Pius
XIII., dessen
Hymnen auf das
Streichholz
und den
Photoapparat
ich ebenso
aufnahm wie
die
lateinischen
Oden des 1907
verstorbenen
Schweizers
Essiva auf die
elektrische
Eisenbahn –
das Geheimnis
aber ist: dies
Werk hat eine
unmerkliche
Tiefenlinie
und Ethik,
verführt mit
jedem
Bei-Spiel den
Leser hinaus
aus seiner
Zeitgeist-Öde
ins
ewig-Unermessene
als ein Ja
über jedem Ja.
Ich
sage: Lest
nicht die
Times, lest
die
Ewigkeiten!
„[...]
ich bin kein
schriftsteller,
kein literat,
kein dichter,
kein
gelehrter,
kein musicus,
vielmehr
nichts als ein
mensch,
d. h.
philosoph, ein
rebell!“
Obige Zitate aus;
Von Aas bis
Zylinder.
Werke. Das
Briefwerk.
Hgg. Reiner
Niehoff und
Valeska
Bertoncini. 2
Bde.
Zweitausendeins,
Frankfurt
2005, ISBN
3-86150-636-X
Soweit
O Ton Wense.
Weil mich Wense,
in seiner
chaotischen Komplexität
fasziniert,
widme ich ihm
diese Artikelserie.
Vielleicht
auch
weil ich mich
in ihm
gespiegelt
sehe
und wiedererkenne.
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